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(aktuell)
Im dem Gemälde Ruhr.2010. Tag und Nacht zeigt Brigitte Broquet zuvorderst eine beinahe völlig abstrahierte Farbwelt, die in aquarellartiger Acryltechnik auf den Bildträger aufgebracht ist. Diese Farbwelt steht für eine Landschaftsimpression aus der Ruhrgebietsregion – so, wie die Künstlerin sie aus ihrer »inneren Natur« heraus wahrgenommen hat. In altmeisterlicher Manier trägt Brigitte Broquet Pigmentschicht um Pigmentschicht auf die Leinwand auf. Dabei erheben die unter der obersten Farbschicht scheinbar verborgenen Aufträge immer wieder ihren Anspruch in ihrer durchscheinenden Sichtbarkeit.
Im unteren Bereich der Bildfläche arbeitet sie mit feinsten Abstufungen der Farben Rot und Grün. Ebensolche feinen Farbabstufungen machen den oberen helleren Bildbereich aus. Man kann also sagen, dass sich die komplette Bildfläche durch feinste Farbabstufungen, sogenannten Tonwerten / Valeurs, einer oder mehrerer verwandter Farben auszeichnet. Sie achtet mit genauem Blick auf die Relation zwischen den Helligkeitswerten. Dadurch wird dieses Bild, vor allem in seinem oberen Bereich, als Resultat von Hell-Dunkel-Relationen aufgefasst. Hieraus entstehen gleichsam Schattierungen: Sie assoziieren Gegenständlichkeit. Der aquarellierend-malerische Pinselduktus erzeugt eine sanfte Poesie, die dem Betrachter an dieser Stelle eine Welt von Seh- und Interpretationsmöglichkeiten eröffnet.
Beim Betrachten des Bildes fällt auf, dass die abstrakte Farblandschaft einen tiefen Himmel und nur eine vergleichsweise niedrig angelegte Landschaft zeigt, so wie wir sie aus der niederländischen Landschaftsmalerei kennen. Dieser Bildaufbau, der sich in einigen der Bilder Broquets findet, ist der französischen Heimat geschuldet. In der Hafenstadt Calais verbrachte die Malerin in ihrer Kindheit viel Zeit am Meer und lernte so die Weite des Meeres und den hohen Himmel lieben.
In dem Gemälde Ruhr.2010. Tag und Nacht setzt sie sich aber auch mit der Abbildung einer im Ruhrgebiet sehr bekannten Architektur auseinander. Auf den ersten Blick ist dies nicht zu erkennen. Erst wenn Schwarzlicht auf die Bildfläche fällt, zeigt sich das zweite, gegenständlich aufzufassende Motiv.
Völlig überraschend entfaltet sich, in einem nuancenreich aufgetragenen Blau, die Gegenständlichkeit des Dortmunder U. Ein intensives Spannungsfeld der Betrachtung ist entstanden. In Bruchteilen von Sekunden, in kurzen Augenblicken, präsentiert die Künstlerin dem Betrachter ein zweites Bild: ein Bild im Bild.
Zunächst in der ruhigen Schau der sensibel aufeinander abgestimmten Farbflächen versunken, wird der Betrachter rasant in das Hier und Jetzt der aktuellen Dortmunder Kunstszene versetzt. Unter Einfluss von Schwarzlicht scheint es, als sei ein Vorhang vor dem Bild weggezogen und ein Geheimnis gelüftet worden.
Broquet nimmt mit dem Motiv des Dortmunder U unmittelbar Anteil am aktuellen Kunstgeschehen der Stadt. Das Gebäude der ehemaligen Dortmunder Union-Brauerei, ein Symbol des Ruhrgebietes für den Strukturwandel, blickt nun seiner neuen Nutzung als Zentrum für Kunst und Kreativität entgegen.
Modernität definiert sich, wie bereits Charles Baudelaire 1863 in Der Maler des modernen Lebens schrieb, durch ständigen Wandel – "das Vergängliche, das Flüchtige, das Zufällige ..." Und: »Wandel durch Kultur. Kultur durch Wandel« war das Motto von Ruhr.2010 – Kulturhauptstadt Europas.Brigitte Broquet interessiert sich, wie eingangs schon beschrieben, für die Veränderung, die sich in der Atmosphäre des Strukturwandels vollzieht. Diese verbildlicht sie. Denn das Ruhrgebiet hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm verändert. Damit auch Kunst und Kultur, die vielfältig in verlassene Industriearchitekturen Einzug gehalten haben. Was bewirkt dies nun? Kann man wirklich sagen, dass das Ruhrgebiet von einer Industrie- zu einer Kulturlandschaft metamorphosiert? Wird das Dortmunder U mit seinem Konzept, ein Zentrum für Kunst und Kreativität zu werden, dazu einen Beitrag leisten? Spannende Fragen, die sicherlich im Verlauf der Zeit beantwortet werden.
Das künstlerische Schaffen von Brigitte Broquet ist also von Wandel, von Aktualität, von ihrem Dasein im Hier und Jetzt geprägt. Gegenwart nimmt sie mit allen Sinnen wahr und macht sie in ihren Bildern sinnlich erfahrbar. »Für mich entsteht Kunst im Augenblick, und den Augenblick erlebe ich als zeitlos«, sagt sie.



